Die Yamaha XV950R zeigt Milwaukee wie Bobber geht

Seit Jahrzehnten steht eine eingeschworene Fangemeinde treu hinter dem Konzept von Cruiser genannten Motorrädern mit ihren dumpf röhrenden, luftgekühlten V-Twin-Motoren, deren Hubraum mindestens 700, besser jedoch deutlich mehr Kubikzentimeter aufweisen sollten. Dazu gehört natürlich auch eine niedrige Sitzposition mit hohem Lenker für eine aufrechte Haltung, die mit nach vorne verlagerten Fußrasten ein cooles Abhängen auf dem Bike nahe am 90-Grad-Winkel ermöglichen. Den Kult-Faktor erreichen Cruiser aber dadurch, dass sobald ein Käufer die Maschine sein Eigen nennen kann, der Werkzeugkasten ausgepackt und alles abgeschraubt, gechopped und modifiziert wird, was nicht unbedingt zum Betrieb notwendig ist. So entstehen aus den schwerfälligen Cruisern erheblich leichtere und wendigere Chopper oder Bobber. Yamaha ist mit der XV950R den umgekehrten Weg gegangen.

Yamaha XV950R bietet viel Raum für Customizing

Sie kommt ab Werk als Bobber ins Haus, bei der nur der serienmäßige Soziussitz Lust auf ein vervollständigendes Entkleiden machen könnte, und nimmt dem Schrauber die Arbeit des Entfernens alles Überflüssigen ab. Zur Individualisierung hat dieser dann die Möglichkeit, aus einem umfangreichen Zubehörprogramm aus dem Serien-Bobber seinen ganz persönlichen Cruiser entstehen zu lassen oder aber ganz puristisch die Yamaha XV950R in dem minimalistischen Kleid zu belassen, in dem sie geliefert wurde. Die weiteren Details knüpfen an das Cruiser-Shopper-Bobber-Konzept an und lassen ein Easy-Rider-Feeling aufkommen, wie es nicht nur Mopeds aus Milwaukee bieten können. Lediglich auf die weit vorne liegenden Fußrasten muss der Retro-Biker verzichten. Alles andere stimmt auf die große Freiheit in 690 Millimeter Sitzhöhe hinter einer vorderen Teleskopgabel mit 41 Millimeter Durchmesser ein.

Die neue Yamaha XV950 ABS für das Modelljahr 2014.Heavy Metall auf zwei Rädern

Der luftgekühlte V2-Viertaktmotor glänzt nicht nur durch einen rockigen Sound wie von martialischen Power-Chords. Er lässt auch auf der linken, der 2-in-1 Auspuffanlage gegenüberliegenden Seite ein von Weitem sichtbares Victory-Zeichen im 60-Grad-Winkel erkennen. Die von der XVS950 Midnight Star übernommene 942-Kubikzentimeter-Maschine mit 52 Pferdestärken bei 5.500 U/min braucht keinen Drehzahlrausch um den Kick nach vorne zu schaffen. Dafür sorgt ein maximales Drehmoment von 80 Newtonmeter bei 3.000 U/min. Hier geht es gerade in den unteren Bereichen mit einer gefälligen Dynamik ab, die so manchem Konkurrenzmodel fehlt. Der Ritt auf der XV950R ist auf moderate Geschwindigkeiten ausgelegt. Das Wohlfühl-Stampfen der Kolben im Motorblock erreicht bis 100 km/h seinen angenehmsten Sound. Auch wenn die Yamaha eine Spitzengeschwindigkeit von 175 km/h erreicht, überlässt sie das Autobahnrasen über lange Strecken doch lieber anderen.

“R”-Version mit einigen Extras

Mit einer schlanken Bereifung der 12-Speichen-Gussräder von 100/90 vorne und 150/80 hinten sowie einem vollgetankten Gesamtgewicht von 251 Kilogramm gewährleistet die Yamaha XV950R ein komfortabel leichtes Handling und weist dank der Motoraufhängung im Doppelschleifenrahmen eine hervorragende Fahrstabilität auf. Das “R” in der Typenbezeichnung steht übrigens für eine erweiterte Modellversion, bei der verbesserte Federelemente für mehr Freude bei Kurvenfahrten eingesetzt wurden. Auch ist der Tank hier mit Zierstreifen versehen und es können Lackierungen in Camo Green sowie Matt Grey anstatt Schwarz und Weiß gewählt werden. Schließlich weist die “R”-Version auch einen hochwertigeren Bezug der Sitzbank auf. Dazu werden insgesamt 8.895 Euro zuzüglich Nebenkosten aufgerufen. Das sind verschmerzbare 300 Euro mehr als in der “R”-freien Variante.

Optischer Leckerbissen mit serienmäßigem ABS

Zur Bremsanlage gehören nicht nur die vorne schwimmend gelagerten 298-Millimeterbremsscheiben sondern auch ein serienmäßiges ABS-System. Stilecht beleuchtet die XV950R den Fahrweg durch einen großen Rundscheinwerfer. Auch die Instrumenteneinheit ist kreisförmig gehalten, gibt aber neben der digitalen Geschwindigkeitsanzeige nur wenige Informationen über kleine Leuchtelemente preis. Dafür ist der Blick nach hinten aufgrund großzügig dimensionierter Rückspiegellöffel vorbildlich. Der Verbrauch auf 100 Kilometern liegt bei durchschnittlich fünf Litern. Damit reicht der 12-Liter-Tank je nach Betrachtungsweise immerhin oder auch nur für 240 Kilometer. Alles in allem ist die Yamaha XV950R sicher ein optischer Leckerbissen und ein Sounderlebnis, das die Herzen der Bobber-Community höher schlagen lässt, sowie im niedrigen bis mittleren Drehzahlbereich kraftvoll kultivierte Fahrfreude bei ausgezeichnetem Kurvenverhalten bietet.